Interview mit Murat Eyiberispek, Überregionaler Teil der Rheinpfalz vom 31.7.02

 

Türken fühlen sich als Bürger zweiter Klasse

 

„Deutschländer" sitzen auch in der Pfalz zwischen den Stühlen – Sprachbarriere verhindert Integration – Beidseitige Vorbehalte

Murat Eyiberispek aus Annweiler (Kreis Südliche Weinstraße) ist in Deutschland geboren und hat sich früher 100-prozentig als Deutscher betrachtet. „Wenn mich einer Türke genannt hat, fand ich das beleidigend", erzählt der 25-Jährige. Er sei aber immer mal wieder darauf hingewiesen worden, dass er anders sei. Inzwischen bekennt sich der Vorsitzende der Liberalen Türkisch-Deutschen Vereinigung Rheinland-Pfalz zu seiner türkischen Herkunft. Generell fühlt er sich aber eher als Deutscher. „Meine Eltern kommen aus Izmir, der westlichsten Stadt der Türkei", sagt er. „Sie sind sehr modern, sehr europäisch."

Für Deutsch- und Integrationskurse

Dass es mit der Integration nur mühsam vorangeht, daran sind nach Ansicht Eyiberispeks beide Seiten schuld. Die Sprache sei jedoch der wichtigste Punkt. Ohne sie laufe nichts: „Viele Türken, die hier arbeiten, kommen vom Land und haben kaum Schulbildung. Sie sind aus der untersten Schicht und können nicht einmal richtig Türkisch." Solche Leute seien nicht in der Lage, in drei Monaten Deutsch zu lernen. Nach Ansicht des Südpfälzers sollten Deutsch- und Integrationskurse für sie verpflichtend angeboten werden. „Ich stelle mir einen Durchflug durch die deutsche Grundschule vor, damit die Menschen etwas über das noch unbekannte Land erfahren." An solchen Lernangeboten mangele es in der Pfalz.

Generell sei es für Türken schwer, in Deutschland Anschluss zu finden. „In der Türkei ist es selbstverständlich, Fremde einzuladen und miteinander zu reden. Niemand bleibt abends im Haus sitzen. Alle sind gesellig", so Eyiberispek. „In der Pfalz reden manchmal nicht einmal die Nachbarn miteinander." Er rate den Türken, in deutsche Sportvereine zu gehen, selbst Vereine zu gründen und die Volkshochschule zu besuchen. Nur so funktioniere die Kontaktaufnahme.

„Diffuse Ängste" vor dem Islam

Wichtig wäre nach Meinung des 25-Jährigen auch, den Türken wenigstens das Kommunalwahlrecht einzuräumen. „Sonst bleiben sie unter sich, lesen türkische Zeitungen und sind in der Türkei, sobald die Haustür geschlossen wird ." Seit dem Anschlag in New York seien Vorbehalte und Vorurteile auf deutscher Seite eher gewachsen. Sie könnten nur durch Begegnungen abgebaut werden. Die Deutschen hätten diffuse Ängste vor Moscheen und dem Islam. Eyiberispek macht indes darauf aufmerksam, dass in der Türkei eine sehr liberale Form des Islam gelebt werde: „Dort wird auch die Frau nicht unterdrückt. Sie steht im Mittelpunkt der Familie." Die Zahl der Professorinnen sei dreimal so hoch wie in Deutschland und es gebe viele Akademikerinnen. Eyiberispek findet, dass die Türkei als Brückenland so schnell wie möglich in die EU aufgenommen werden müsste. „Ihre Offenheit gegenüber dem Westen sollte ausgenutzt werden, bevor noch mehr Kritiker heranwachsen, die sich anderweitig orientieren wollen."

Der Islambeauftragte der evangelischen Kirche der Pfalz, Pfarrer Gerhard Eckstein (Bad Dürkheim), leitet seit 1995 einen christlich-islamischen Gesprächskreis. Er hat den Eindruck, dass das Verständnis zwischen den Kulturen wächst. Deutsch-türkische Partnerschaften wie die zwischen Haßloch und Silifke helfen seiner Ansicht nach dabei. „Auch die Moscheevereine tun viel, um Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen." Der Anschlag auf das World Trade Center habe das Bewusstsein verändert. „Die Leute wollen mehr über den Islam wissen. Wenn ich die Zeit dazu hätte, könnte ich jeden Tag einen Vortrag halten – so viele Anfragen bekomme ich." Trotz gewisser Fortschritte findet Eckstein, dass Toleranz in Deutschland ein Fremdwort ist. Er plädiert dafür, eine Integration ohne Verlust der eigenen Identität zu akzeptieren. Die Religion sei kein Hindernis auf dem Weg zur Einbürgerung, denn der Islam fordere die Gläubigen auf, sich nach den Gesetzen des Gastgeber-Landes zu richten.

Miguel Vicente, Vorsitzender der rheinland-pfälzischen Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte, sieht noch viel Arbeit auf die Politik zukommen. Zuwanderer seien meistens schlechter ausgebildet und fast überall benachteiligt. „Neben dem Wahlrecht brauchen wir ein Paket von Maßnahmen, um die Zweisprachigkeit stärker zu fördern." Diese sei ein Potenzial, das noch viel zu wenig genutzt werde.

Projekte in Kindergärten

Noch sind unter den rheinland-pfälzischen Abiturienten nur fünf Prozent Ausländer. Immer mehr türkische Kinder besuchen stattdessen die Sonderschule, viele verlassen die Hauptschule ohne Abschluss, werden arbeitslos. „Um dem entgegen zu wirken, müssen die Fördermöglichkeiten ausgebaut werden", sagt Vicente. Er lobt die Integrationsmodelle, die in einigen Pfälzer Städten verwirklicht werden.

Ein Beispiel ist das Mama-Projekt in Ludwigshafen. Dort werden für ausländische Mütter Sprachkurse im Kindergarten angeboten. Sie lernen Redewendungen, mit deren Hilfe sie ihren Alltag bewältigen können. Rund 400 Frauen haben bereits teilgenommen. Bundesweite Aufmerksamkeit findet die Deutschförderung für Migrantenkinder in Kindergärten, die seit 1999 von der Neustadter Volkshochschule organisiert und von der Stadt finanziert wird. „Wir haben da eine Vorreiterrolle gespielt", sagt Projektleiterin Dagmar Fries. Die Ergebnisse des spielerischen Unterrichts sind sehr gut. Daher soll das Projekt auch auf andere Städte übertragen werden.

31.07.2002 Ausgabe(n): BER GER KAN LAN PIR ZWE KAI NEU KUS SCH KIB LUD FRA GRU SPE DUW